Autor

Buchmarkt

Wäre ein Autor wie Handke heute noch möglich?

Situation auf dem Buchmarkt

Meinem Eindruck nach erscheinen in großen deutschen Verlagen kaum noch literarische Werke, die nicht (mindestens) einem der folgenden Kriterien entsprechen:

  • Der Autor / Die Autorin hat sich schon vor mehreren Jahrzehnten etabliert. (Bitte im Folgenden die weibliche Form immer mitdenken! Zu viele Schrägstriche, Doppelpunkte o. Ä. stören den Lesefluss, finde ich zumindest.)
  • Der Autor schreibt in einem Genre oder sehr „unterhaltend“ (in einem buchhändlerischen Sinne).
  • Der Autor ist der bekannte Sänger/ Fernsehmoderator/ Kolumnist / … X.
  • Er schreibt über den Nationalsozialismus, die DDR (bzw. die sog. Nachwendezeit) oder Migrationserfahrungen. (Diese Themen sind natürlich ehrenwert. Und es gab und gibt hervorragende Umsetzungen – spontan fallen mir „Das siebte Kreuz“ von Anna Seghers und „Als wir träumten“ von Clemens Meyer ein.)
  • Er widmet sich einem anderen Thema, das in den Medien schon stark vertreten ist. Oft verbürgen dabei persönliche Erfahrungen „Authentizität“ und schaffen Aufmerksamkeit. In den Feuilletons liest man dann Sätze wie: „Der Schriftsteller X schreibt über Depressionen. Er weiß, wovon er spricht“ oder „Y war jahrzehntelang Mitglied der rechtsextremen Kameradschaft Z. Bis er ausstieg und diesen Roman verfasste.“

Beispiel Peter Handke

Einmal vorausgesetzt, dieser Eindruck spiegelt etwas Wahres wider, stellt sich mir folgende Frage: Wäre ein Autor wie Peter Handke heute noch „möglich“? Ein Schriftsteller also, der experimentelle, eher schwierig zu lesende Prosa schreibt, zudem ohne deutlichen Bezug zum Tagesgeschehen. – Oder, umständlicher, aber präziser formuliert: Wäre die literarische Karriere eines Peter Handke heute noch denkbar (Suhrkamp-Autor, lebt (vermutlich) gut von seinen Büchern, die in den Feuilletons der großen Tageszeitungen besprochen und (hie und da) sogar in der Schule gelesen werden)?

Gründe

Wenn man diese Frage verneint, ergibt sich daraus eine weitere, nämlich die nach den Gründen.

  • Haben die angenommenen Veränderungen mit der sinkenden Zahl der Leser/Buchkäufer zu tun, durch die sicher auch die Zahl derer geschrumpft ist, die „Literaturliteratur“ schätzen bzw. kaufen? Oder hat sich letztere Gruppe sogar überproportional verkleinert? (Wenn ja: Warum?)
  • Liegt es daran, dass „80 Prozent der literarischen Bücher aus drei Konzernen kommen“? (Wie Michael Krüger, der frühere Geschäftsführer des Hanser-Verlags, 2010 in einem Interview konstatierte; der Prozentwert mag sich mittlerweile noch erhöht haben.)
  • Ist das Phänomen zu einem Teil damit zu erklären, dass sich die Grenzen zwischen Belletristik und Sachliteratur/Journalismus verwischen?

Letztlich traue ich mir nicht zu, die Frage nach dem Warum schlüssig zu beantworten. Ich wäre aber gespannt auf Erklärungsansätze eventueller Leser dieses Beitrags.

(Anmerkung: Handke ist nur ein Beispiel. Bitte keine Jugoslawien-Debatte 🙂 … Dazu könnte ich auch nichts beitragen, da ich seine Jugoslawien-Texte nicht kenne.)