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Literatur

Alter neuer Roman

Mit der Veröffentlichung meines „alten neuen Romans“ bei kul-ja! publishing wird es allmählich konkreter (siehe: https://www.kul-ja.com/autoren/) … Er handelt von einem Philosophen, der auf tragikomische Weise daran scheitert, sich in der (von ihm so genannten) „Kunst des Alleinseins“ zu vervollkommnen.

Die Bezeichnung alter Roman ist übrigens etwas weniger scherzhaft gemeint, als es scheinen mag. Die Arbeit daran war schon Ende 2020 im Wesentlichen abgeschlossen.

Thomas Kunst

Thomas Kunst habe ich (für mich) etwa 2016 entdeckt ─ durch das schöne Hardcover „Kunst. Gedichte 1984-2014“, erschienen in der „edition AZUR“.

Thomas Kunst wurde „als ewiger Geheimtipp gehandelt“. Durch seine Suhrkamp-Veröffentlichungen dürfte er mittlerweile aber einem größeren Publikum bekannt sein, was erfreulich ist.

Im Folgenden möchte ich kurz auf das Gedicht „Du brauchst dich niemals mehr für mich zu schämen“ eingehen (weiter unten vollständig zitiert), weil es aus dem besagten Band eines derjenigen ist, die mir am deutlichsten in Erinnerung geblieben sind. ─ Warum? Ich vermute: In erster Linie wegen der interessanten Kontraste, mit denen es aufwartet. Da ist zum einen der Gegensatz zwischen der „hyperklassischen“ Sonettform und dem ausgesprochen aktuellen Eindruck, den das Gedicht ansonsten macht – durch den Gebrauch von Umgangssprache und die Anspielung auf Social-Media-Aktivitäten. (Dieser Kontrast spiegelt sich im Kleinen in der Zeile „Doch sag mir rechtzeitig, um wen du wirbst“, wo der alltagssprachliche Duktus mit dem Wort „werben“ durchbrochen wird, das wieder in die andere, die klassische Richtung weist.) – Dieser Antagonismus verleiht dem Text, bei aller Ernsthaftigkeit, eine ironische Nuance, die mir gut gefällt.

Vielleicht kein Gegensatz, aber zumindest eine Spannung besteht andererseits zwischen dem tieftraurigen, resignativen Grundton und etwas Trotzig-Aggressivem, was hie und da aufblitzt („An deinen freien Tagen bist du wer“, „Und melde dich erst wieder, wenn du stirbst“). Fast könnte man meinen, das lyrische Ich sei um ein Haar zum Stalker oder gar Mörder dieser anderen Person geworden, bevor es beschloss, sie aus seinem Leben einfach zu streichen (oder dies wenigstens zu versuchen).

DU BRAUCHST DICH NIEMALS MEHR FÜR MICH ZU SCHÄMEN.
Ich werde nicht mehr vor den Schulen stehen,
Zu wenig Bildung für ein Wiedersehen,
Nur Neigungen von Brot bis Radio Bremen.

Ich habe dich anscheinend nie beschissen
Genug behandelt, daß es für uns langte,
Mir war nicht klar, woran ich mehr erkrankte,
Am Tod oder am Handy unterm Kissen.

An deinen freien Tagen bist du wer,
Mit facebook, web.de und wer-kennt-wen,
Doch sag mir rechtzeitig, um wen du wirbst.

Rod Stewart ist schon viel zu lange her,
Erspare mir, euch einkaufen zu sehen,
Und melde dich erst wieder, wenn du stirbst.

Quellennachweis: Thomas Kunst, Kunst. Gedichte 1984-2014, Dresden 2015; S. 24

2. Recherchereise Roman

Ja, ich gebe zu, „Recherchereise“ klingt pompös … Aber wie auch immer man es bezeichnen will, war ich jedenfalls Anfang Juli noch einmal im Frankenjura, um Schauplatzinformationen für meinen neuen Roman zu sammeln (in dem das sog. Sportklettern, insbesondere in der Fränkischen Schweiz, eine wichtige Rolle spielen soll). Dieses Mal ging es mir vor allem um die im Vergleich zum Winter (natürlich) ganz anderen Farben, Gerüche und Geräusche – Dinge also, die ja in der Regel wesentlich sind, um einen Ort auf dem Papier lebendig werden zu lassen, und die sich aus der Erinnerung oft nicht in befriedigender Weise rekonstruieren lassen.

Der Richard-Wagner-Fels

Der Richard-Wagner-Fels heißt witzigerweise deshalb so, weil sein „Profil“ bei genauerem Hinsehen eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem des Komponisten hat … So unspektakulär der Fels aussieht, beherbergt er doch einige der berühmtesten Routen des Frankenjura: „Fight Gravity“, „Magnet“, „Amadeus Schwarzenegger“ …

Route „Magnet“ (Schwierigkeitsgrad IX)

Direkt neben der Route „Magnet“ befindet sich die noch bekanntere Route „Fight Gravity“ – da dort aber der Routenname nicht angeschrieben ist, wäre das ein weniger interessantes Foto-Motiv gewesen … Der kleine Punkt über meinem Kopf (war einmal grün, wirkt nun, ausgeblichen von der Sonne, allerdings eher blau) bedeutet, dass dieser Anstieg auch „clean“ bewältigt wurde: ohne die fixen Haken zu benutzen, die es in der Route gibt; gesichert stattdessen mit mobilem Material (etwa mit Klemmkeilen). – Was ich, als dieses Foto entstand, noch nicht wusste, war, dass ich den Urheber des grünen Punkts, den ersten (und meines Wissens einzigen) „Clean-Begeher“ von „Magnet“, rund drei Wochen später persönlich kennenlernen würde … Er hat mir übrigens sehr geholfen bei einer Dialektpassage, die in dem Roman vorkommen soll (… Fränkisch … oder vielmehr: Frränggisch 🙂 …). Ich grüße Heiko Queitsch an dieser Stelle herzlich!

Wandbuch von außen

Eine schöne Tradition – die wohl vom Bergsteigen, dem Vater des Sportkletterns, herstammt – sind die Wandbücher. Man begegnet ihnen in den Mittelgebirgen relativ selten und eher in den größeren und schon vor langer Zeit durchstiegenen Wänden. Ein Wandbuch ist eine Art Gästebuch in einem (mehr oder weniger) wetterfesten Behältnis, das an einem höheren Punkt in der Wand angebracht wird. – Dieses (siehe Bild oben bzw. unten) fand ich am Fuß des „Erlanger Felsentors“; es scheint herabgefallen zu sein. Wie auch immer es genau befestigt gewesen sein mag, ist irgendein tragendes Teil offenbar durchgerostet. Vor kurzem war das Buch aber anscheinend noch in Gebrauch – oder wird nun einfach hier unten benutzt. Womit dann allerdings nicht mehr klar wäre, ob der Sich-Eintragende die Route überhaupt geklettert ist …

Letzte Einträge ins Wandbuch am „Erlanger Felsentor“ …

Georg Trakl

„Rondel“ von Georg Trakl ist eines meiner Lieblingsgedichte. So schlicht es ist (oder auf den ersten Blick scheint), hat es doch eine geradezu berauschende Wirkung auf mich.

Text und Bild (siehe oben und links) stammen aus einer sehr alten, beinahe noch zeitgenössischen Ausgabe des Otto Müller Verlags (Salzburg 1939).

Stefan George

Gestern an einem der Stände der „Mainzer Johannisnacht“ diese Stefan-George-„Devotionalie“ entdeckt … Meine persönliche „Devotion“ (in vielfachen Anführungszeichen) gilt allerdings ausdrücklich und selbstverständlich (?) nicht der hochumstrittenen Person des Dichters, sondern großen Teilen seines Werks …

Wäre ein Autor wie Handke heute noch möglich?

Situation auf dem Buchmarkt

Meinem Eindruck nach erscheinen in großen deutschen Verlagen kaum noch literarische Werke, die nicht (mindestens) einem der folgenden Kriterien entsprechen:

  • Der Autor / Die Autorin hat sich schon vor mehreren Jahrzehnten etabliert. (Bitte im Folgenden die weibliche Form immer mitdenken! Zu viele Schrägstriche, Doppelpunkte o. Ä. stören den Lesefluss, finde ich zumindest.)
  • Der Autor schreibt in einem Genre oder sehr „unterhaltend“ (in einem buchhändlerischen Sinne).
  • Der Autor ist der bekannte Sänger/ Fernsehmoderator/ Kolumnist / … X.
  • Er schreibt über den Nationalsozialismus, die DDR (bzw. die sog. Nachwendezeit) oder Migrationserfahrungen. (Diese Themen sind natürlich ehrenwert. Und es gab und gibt hervorragende Umsetzungen – spontan fallen mir „Das siebte Kreuz“ von Anna Seghers und „Als wir träumten“ von Clemens Meyer ein.)
  • Er widmet sich einem anderen Thema, das in den Medien schon stark vertreten ist. Oft verbürgen dabei persönliche Erfahrungen „Authentizität“ und schaffen Aufmerksamkeit. In den Feuilletons liest man dann Sätze wie: „Der Schriftsteller X schreibt über Depressionen. Er weiß, wovon er spricht“ oder „Y war jahrzehntelang Mitglied der rechtsextremen Kameradschaft Z. Bis er ausstieg und diesen Roman verfasste.“

Beispiel Peter Handke

Einmal vorausgesetzt, dieser Eindruck spiegelt etwas Wahres wider, stellt sich mir folgende Frage: Wäre ein Autor wie Peter Handke heute noch „möglich“? Ein Schriftsteller also, der experimentelle, eher schwierig zu lesende Prosa schreibt, zudem ohne deutlichen Bezug zum Tagesgeschehen. – Oder, umständlicher, aber präziser formuliert: Wäre die literarische Karriere eines Peter Handke heute noch denkbar (Suhrkamp-Autor, lebt (vermutlich) gut von seinen Büchern, die in den Feuilletons der großen Tageszeitungen besprochen und (hie und da) sogar in der Schule gelesen werden)?

Gründe

Wenn man diese Frage verneint, ergibt sich daraus eine weitere, nämlich die nach den Gründen.

  • Haben die angenommenen Veränderungen mit der sinkenden Zahl der Leser/Buchkäufer zu tun, durch die sicher auch die Zahl derer geschrumpft ist, die „Literaturliteratur“ schätzen bzw. kaufen? Oder hat sich letztere Gruppe sogar überproportional verkleinert? (Wenn ja: Warum?)
  • Liegt es daran, dass „80 Prozent der literarischen Bücher aus drei Konzernen kommen“? (Wie Michael Krüger, der frühere Geschäftsführer des Hanser-Verlags, 2010 in einem Interview konstatierte; der Prozentwert mag sich mittlerweile noch erhöht haben.)
  • Ist das Phänomen zu einem Teil damit zu erklären, dass sich die Grenzen zwischen Belletristik und Sachliteratur/Journalismus verwischen?

Letztlich traue ich mir nicht zu, die Frage nach dem Warum schlüssig zu beantworten. Ich wäre aber gespannt auf Erklärungsansätze eventueller Leser dieses Beitrags.

(Anmerkung: Handke ist nur ein Beispiel. Bitte keine Jugoslawien-Debatte 🙂 … Dazu könnte ich auch nichts beitragen, da ich seine Jugoslawien-Texte nicht kenne.)

Bloggen – das Gegenteil von Literatur?

Lange Zeit hielt ich Blogs in etwa für das Gegenteil von Literatur: schnell hingeschrieben, kurze Halbwertszeit. Mittlerweile habe ich mir verschiedene Blogs angeschaut, u. a. die von Alban Nikolai Herbst und Rainald Goetz (nicht mehr online verfügbar, aber als Buch mit dem Titel „Abfall für alle“ erhältlich) sowie den des verstorbenen Wolfgang Herrndorf. Dabei ist mir deutlich geworden, dass ein Blog ja im Grunde eine völlig offene Form ist, in die fast alles hineingeht – sei es nun SMS-artiges oder Hochelaboriertes. Gleichzeitig hat mir die Lektüre Lust gemacht, das Bloggen auf dieser Seite etwas zu intensivieren, mich also nicht (wie bisher) darauf zu beschränken, Neuigkeiten aus meinem Leben als Autor mitzuteilen – sporadisch und mit knappen Worten.

Was dabei herauskommen wird – etwa mit welcher Frequenz ich bloggen werde –, kann ich im Moment noch nicht absehen. Auf jeden Fall werde ich einen (für mich) passenden Ton finden müssen. So langsam und sorgfältig wie ich meine sonstigen (literarischen) Texte schreibe, werde ich hier nicht schreiben können. Darin würde ich einen Widerspruch zum Grundgedanken des Bloggens sehen – der mir in einem gewissen Maß an Regelmäßigkeit und Aktualität zu bestehen scheint (einmal angenommen, das stimmt so, ist das „Genre“ des Blogs vielleicht doch weniger regellos als oben behauptet …). – Könnte auch sein, dass ich irgendwann zu dem Schluss komme, dass Bloggen doch keine Ausdrucksform ist, die für mich geeignet wäre.