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Und wo mein Haus? – Peter Kurzeck

Vor wenigen Wochen erschien „Und wo mein Haus?“, der achte Band von Peter Kurzecks autobiografischer Romanfolge „Das alte Jahrhundert“. Zu Lebzeiten des 2013 verstorbenen Autors wurden davon fünf Bände publiziert, posthum bisher drei (diesen eingeschlossen).

„Und wo mein Haus?“ zerfällt in zwei Teile: 100 Seiten zusammenhängender Text und 60 Seiten „Notizen und Dokumente“. Das Buch ist also kein Roman im üblichen Sinne, sondern – ebenso wie die anderen Nachlass-Bände – ein Romanfragment, das in dieser Form nicht für die Veröffentlichung bestimmt war.

Insofern hat es mich überrascht, dass Teil 1 „ein austrainierter Kurzeck“ ist – die Überraschung mag indes auch damit zu tun haben, dass ich Band 6 und 7 noch nicht kenne; möglicherweise ist der Text dort ähnlich durchgearbeitet. Ja, dieser erste Teil scheint publikationsreif gewesen zu sein, auch wenn er vielleicht nicht ganz den Schliff von Meisterwerken wie „Übers Eis“ oder „Oktober“ hat und die Qualität zum Ende hin leicht abfällt: Der Text wirkt hier stellenweise etwas wirr und eine gewisse Redundanz ist zu beobachten.

Das „Und wo mein Haus?“-Manuskript gehörte ursprünglich zu dem 1000-Seiter „Vorabend“. Daher ist die Rahmenhandlung dieselbe: Der Ich-Erzähler (laut Selbstaussagen Kurzecks identisch mit ihm, dem Autor) ist mit Freundin und Tochter zu Besuch in Frankfurt-Eschersheim, bei seinem Freund Jürgen und dessen Lebensgefährtin. Obwohl er sich eigentlich ausruhen möchte, gerät er in einen regelrechten Erzählrausch. – Dieser Rahmen spielt allerdings in „Und wo mein Haus?“ keine wesentliche Rolle und ist kaum erkennbar: im Grunde nur für den, der „Vorabend“ bereits gelesen hat.

Auf der obersten Ebene der Binnenhandlung geschieht, typisch für Kurzeck, eigentlich recht wenig: Der Erzähler fährt mit dem Zug von Frankfurt nach Gießen. – Das klingt langweilig, ist es aber nicht, denn die Fahrt und insbesondere der Gießener Bahnhof lösen ein wahres Feuerwerk an Erinnerungen aus.

„Während ich schreibe, ist immer jetzt“, heißt es auf der ebenfalls erst nach dem Tod des Autors veröffentlichten Hör-CD „Für immer“. Das glaubt man ihm aufs Wort, denn eine besondere Stärke seiner Prosa ist, wie es ihr gelingt, Simultanität zu erzeugen. Fast mehr noch als in anderen Werken verschmilzt Kurzeck in „Und wo mein Haus?“ Zeiten und Räume, vor allem im ersten Abschnitt des zusammenhängenden Textes, in dem es um das schwierige, doch (aus Sicht des Kindes) abenteuerliche Nachkriegsleben geht – mit Vater, Mutter und Schwester in Staufenberg (bei Gießen), wo die Familie nach der Flucht aus Böhmen untergekommen war: „Mein Vater mischt Tabak in eine große amerikanische Tabakbüchse aus glänzendem rotem Lack. Und das viele Wild, sagt er. […] Und gleich sehe ich einen großen dämmrigen Wald, aber dann ist es doch nur ein böhmischer Wandteppich, der bei meiner Tante Resi in Kelkheim im Taunus über einem Küchensofa hängt. […] Auf dem Teppich ein Hirsch. Hat sich aufgestellt, um zu brüllen. […] Im Wald hell das Morgenlicht. […] Und immer mehr Sonne auf meinem Weg. Ich sah mich davongehen, sagte ich. […] Und wie ich im Gehen groß werde und erwachsen. Sagte ich in Eschersheim. Und muß mir immer noch nachsehen. Und dann bin ich wieder fünf Jahre alt. […] Bei uns am Küchentisch“ (S. 39/40).

Ein zweiter wichtiger Teil des Erinnerungsgeflechts ist die Arbeitswelt der Gießener Labor Service Companies (zivile Arbeitseinheiten der US-Army), wo Kurzeck selbst zehn Jahre tätig war. Der Erzähler interessiert sich vor allem für das Schicksal der dort beschäftigten „Displaced Persons“ aus Osteuropa, die unmittelbar nach dem Krieg einen relativ hohen Sozialstatus hatten, diesen aber schon bald wieder einbüßten: „Hiwis, Hilfsamis, Amipolacken, sagen die Leute. Erst mit Neid, mit Bewunderung, dann gleichgültig, dann geringschätzig“ (S. 66).

Ein paar Jahrzehnte nach dem Krieg sind einige von ihnen noch immer bei der Army, werden zwar als Arbeitskräfte nicht mehr gebraucht, aber auch nicht entlassen. Sie sind nun „überzählig“ und werden mit absurden Verrichtungen wie ständigem Fahnenmasten-Anstreichen beauftragt.

Kurzeck, der ohnehin in allen seinen Büchern auch ein Satiriker ist, erweist sich insbesondere in diesem Abschnitt von „Und wo mein Haus?“ als großer Humorist oder, richtiger: Tragikomiker. „Ein kleiner Bach. […] Erst denkt man, das ist ja die Wieseck, aber dann ist es doch nur ein Nebenflüßchen der Wieseck. Das könnt ihr auch bewachen. Könnt auf der Böschung sitzen. Da ist es still. Nicht reinkacken. Keine leeren Flaschen ins Wasser schmeißen. […] Beim Salutieren die Zigarette aus dem Mund und nicht aus der Flasche trinken. Nicht gleichzeitig! Wache stehen, aber daß es nicht so auffällt“ (S. 95).

Die „Notizen und Dokumente“ – die letzten 60 Seiten des Buches – sind naturgemäß etwas mühsam zu lesen. Andererseits ist es interessant zu sehen, wie der Autor sich zum fertigen Text hingearbeitet hat. Und man findet in diesem Teil brillante Prosastücke, die auch ganz ohne den Romanzusammenhang auskämen, etwa: „u-bahn. alle mit geputzten schuhen. Staatsbürgergesichter. in hundert od. zweihundert jahren. dann tot, sagten jürgen und sibylle. vielleicht, sagte ich“ (S. 148).

Abschließend möchte ich die (rhetorische) Frage stellen, ob ein Perfektionist wie Kurzeck, der in seinen autobiografischen Texten davon berichtet, „jede Seite zwanzigmal“ abgetippt zu haben, überhaupt mit der Veröffentlichung von Unfertigem einverstanden gewesen wäre. Doch könnten diese Frage selbstverständlich nur Menschen beantworten, die ihn persönlich kannten. Für die Leser ist die Publikation eines solchen Buches in jedem Fall ein Gewinn, speziell für die wachsende Zahl der Kurzeck-Enthusiasten.

Allerdings ist „Und wo mein Haus?“ vermutlich weniger gut geeignet als Einstieg in Kurzecks Werk. – Ich persönlich würde zum Kennenlernen „Oktober“ empfehlen. Kurzeck-Neulingen möchte ich zudem den generellen Ratschlag geben, am Anfang etwas Geduld zu haben: Obwohl seine Bücher (zumindest die Bände des „alten Jahrhunderts“) eigentlich leicht zu lesen sind, braucht es doch ein wenig Zeit, um sich an die Sprache des Autors und seinen eigentümlichen Blick auf die Welt zu gewöhnen. Dann aber kann die Lektüre seiner Romane eine sehr tiefgreifende und sogar lebensverändernde Erfahrung sein.

Quellennachweis: Peter Kurzeck, Und wo mein Haus?, Kde domov muj (Das alte Jahrhundert 8), Frankfurt am Main 2022.

Nachtrag: Am 4.10.22 stellt übrigens Rudi Deuble – der langjährige Lektor Kurzecks und Herausgeber der Nachlassbände – „Und wo mein Haus?“ im „Hessischen Literaturform im Mousonturm“ vor. (Ich bin zurzeit in Lettland und werde diese Veranstaltung daher leider nicht besuchen können.)

Alter neuer Roman

Mit der Veröffentlichung meines „alten neuen Romans“ bei kul-ja! publishing wird es allmählich konkreter (siehe: https://www.kul-ja.com/autoren/) … Er handelt von einem Philosophen, der auf tragikomische Weise daran scheitert, sich in der (von ihm so genannten) „Kunst des Alleinseins“ zu vervollkommnen.

Die Bezeichnung alter Roman ist übrigens etwas weniger scherzhaft gemeint, als es scheinen mag. Die Arbeit daran war schon Ende 2020 im Wesentlichen abgeschlossen.

2. Recherchereise Roman

Ja, ich gebe zu, „Recherchereise“ klingt pompös … Aber wie auch immer man es bezeichnen will, war ich jedenfalls Anfang Juli noch einmal im Frankenjura, um Schauplatzinformationen für meinen neuen Roman zu sammeln (in dem das sog. Sportklettern, insbesondere in der Fränkischen Schweiz, eine wichtige Rolle spielen soll). Dieses Mal ging es mir vor allem um die im Vergleich zum Winter (natürlich) ganz anderen Farben, Gerüche und Geräusche – Dinge also, die ja in der Regel wesentlich sind, um einen Ort auf dem Papier lebendig werden zu lassen, und die sich aus der Erinnerung oft nicht in befriedigender Weise rekonstruieren lassen.

Der Richard-Wagner-Fels

Der Richard-Wagner-Fels heißt witzigerweise deshalb so, weil sein „Profil“ bei genauerem Hinsehen eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem des Komponisten hat … So unspektakulär der Fels aussieht, beherbergt er doch einige der berühmtesten Routen des Frankenjura: „Fight Gravity“, „Magnet“, „Amadeus Schwarzenegger“ …

Route „Magnet“ (Schwierigkeitsgrad IX)

Direkt neben der Route „Magnet“ befindet sich die noch bekanntere Route „Fight Gravity“ – da dort aber der Routenname nicht angeschrieben ist, wäre das ein weniger interessantes Foto-Motiv gewesen … Der kleine Punkt über meinem Kopf (war einmal grün, wirkt nun, ausgeblichen von der Sonne, allerdings eher blau) bedeutet, dass dieser Anstieg auch „clean“ bewältigt wurde: ohne die fixen Haken zu benutzen, die es in der Route gibt; gesichert stattdessen mit mobilem Material (etwa mit Klemmkeilen). – Was ich, als dieses Foto entstand, noch nicht wusste, war, dass ich den Urheber des grünen Punkts, den ersten (und meines Wissens einzigen) „Clean-Begeher“ von „Magnet“, rund drei Wochen später persönlich kennenlernen würde … Er hat mir übrigens sehr geholfen bei einer Dialektpassage, die in dem Roman vorkommen soll (… Fränkisch … oder vielmehr: Frränggisch 🙂 …). Ich grüße Heiko Queitsch an dieser Stelle herzlich!

Wandbuch von außen

Eine schöne Tradition – die wohl vom Bergsteigen, dem Vater des Sportkletterns, herstammt – sind die Wandbücher. Man begegnet ihnen in den Mittelgebirgen relativ selten und eher in den größeren und schon vor langer Zeit durchstiegenen Wänden. Ein Wandbuch ist eine Art Gästebuch in einem (mehr oder weniger) wetterfesten Behältnis, das an einem höheren Punkt in der Wand angebracht wird. – Dieses (siehe Bild oben bzw. unten) fand ich am Fuß des „Erlanger Felsentors“; es scheint herabgefallen zu sein. Wie auch immer es genau befestigt gewesen sein mag, ist irgendein tragendes Teil offenbar durchgerostet. Vor kurzem war das Buch aber anscheinend noch in Gebrauch – oder wird nun einfach hier unten benutzt. Womit dann allerdings nicht mehr klar wäre, ob der Sich-Eintragende die Route überhaupt geklettert ist …

Letzte Einträge ins Wandbuch am „Erlanger Felsentor“ …

Neuer Roman

Am Einstieg der „Action Directe“ (siehe unten) …

Neues Projekt

Während mein letzter Roman noch seiner Veröffentlichung harrt, habe ich mich schon tief in den nächsten hineingearbeitet. Darin werde ich mich noch einmal mit dem Thema Sportklettern auseinandersetzen (Felsklettern unter sportlichen Gesichtspunkten, normalerweise nicht in den (hohen) Bergen). „Noch einmal“ in dem Sinne, dass ich bereits vor Jahren einen fiktionalen „Kletter-Text“ geschrieben habe („Die andere Wirklichkeit“, eine der längeren Erzählungen in „Manchmal eine Stunde, da bist Du“). Ebenso wenig wie damals soll es aber primär um Sport gehen – vielmehr, soweit ich das schon absehen kann, um die Geschichte einer Freundschaft.

„Die Ärzte“

Darüber hinaus wird die Band „Die Ärzte“ in dem Roman eine gewisse Rolle spielen. Wer sowohl meine Texte als auch die Band kennt, hätte das vermutlich nicht erwartet. Aber, eigensinnig wie ich bin, ist wahrscheinlich genau das einer der Gründe, die mich auf diese Idee brachten.

Ausschnitt aus der „Die Ärzte“-Diskografie …

Fränkische Schweiz

Im Februar war ich für Recherchen in der Fränkischen Schweiz (Hauptschauplatz des Romans). Nur relativ wenige wissen, dass der idyllische, etwas verschlafene Landstrich zwischen Nürnberg, Bamberg und Bayreuth eines der besten Sportklettergebiete der Welt ist – vielleicht das beste. – In den nächsten Tagen werde ich noch einmal dorthin fahren, um etwas Sommeratmosphäre „einzufangen“ …

„Der Meister“

Das Bild oben zeigt den „Waldkopf“ (Name des Felsens), an dem sich die berühmte Route „Action Directe“ befindet (hat nichts mit der gleichnamigen Terrororganisation zu tun …). Die Begehungsgeschichte dieser Route ist märchenhaft: Wolfgang Güllich, die deutsche Kletterlegende (auch „der Meister“ genannt), durchstieg die Route 1991 als Erster und bewertete sie mit dem neuen Schwierigkeitsgrad „XI“ (zuvor hatte die Schwierigkeitsskala nur bis „XI-“ gereicht). Kurz darauf kam er bei einem Autounfall ums Leben. Güllichs „Erbe“, die „Action Directe“, ließ die Weltelite der Kletterer vier Jahre lang abblitzen – kein Einziger war in der Lage, die Leistung des „Meisters“ noch einmal zu vollbringen. Das gelang erst Alexander Adler im Jahr 1995. Doch bis zur dritten Wiederholung dauerte es weitere fünf Jahre. – Seither hat sich allerdings einiges getan: Die Route wurde mittlerweile 28-mal geklettert …

Fingerloch im Einstiegsbereich der „Action Directe“
– vermittelt eine gute Vorstellung von der durchschnittlichen Griffgröße …